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Erläuterungen des Künstlers Hermann Pohl


Der Bildhauer muss sich schon von seinem Handwerk her einer Zeichensprache bedienen, die sich durchaus nicht in eindeutige Begriffe umwandeln lässt. Das gilt heute, da man bemüht ist, alles nach Möglichkeit rational aufzuklären, oft als Mangel. Ein gutes Beispiel dafür ist das einfache Zeichen des Radkreuzes, das man schon in Tonkrügen der Jungsteinzeit eingeritzt findet. Es besteht aus einem Kreis und einem Kreuz, kann also sowohl als Kreuz im Kreis wie auch als Rad gelesen werden.

Das ist das Kreuz: Durch eine waagrechte wird eine senkrechte Linie hindurchgezogen. Von Natur her ist senkrecht die Richtung des Wachstums nach oben, nach unten die Schwerkraft. In der Waagerechten kommt alles zur Ruhe. So bedeutet, seit Menschen auf der Erde etwas bildlich darstellen:
   Senkrecht, stehend: Leben
   Waagerecht, liegend: Schlaf, Ruhe, Tod –
Vom Kreuz kann man sagen: Die Senkrechte wird durch die Waagerechte hindurchgeführt, das Leben durchstößt den Tod oder der Tod durchschreitet das Leben, beendet es aber nicht.

Ein Mensch, der sich hinstellt und die Arme waagerecht ausbreitet, bildet ein Kreuz. Nimmt man diese Haltung ein, empfindet man stärker als Worte sagen können, das Wesen dieses Zeichens.

Der vor das Kreuz gestellte Christus ist der lebende, die Welt umfassende Herr. Diese Auffassung zeigen die ersten Darstellungen des Heilands am Kreuz, die uns aus der byzantinischen Kunst überliefert sind. Übrigens wird später bei Darstellungen des leidenden und sterbenden Christus der obere Teil sinngemäß verkürzt oder ganz weggelassen, so dass ein T entsteht, ein echtes Todeszeichen. Hier muss man ergänzen, dass diese Darstellungen für die Passion gedacht waren und zu Ostern durch Auferstehungsbilder abgelöst wurden. Da sich unserem Glauben gemäß die göttliche Kraft in einem Menschen offenbart hat, erscheint mir, durch die Zeichnung eines Menschen auf dem Kreuz, das Kreuz erst zu einem christlichen Symbol zu werden.

Der andere Teil des Zeichens ist der Kreis, die nicht endende Linie, das Sein ohne Ende. Man denkt da an den Fingerring oder den Kranz auf dem Grabe.

Fügt man das Kreuz in den Kreis, wie die Speichen in die Felge, kann man an das Rad denken. Die Buddhisten machten dieses Zeichen zu dem ihren. Sie setzten in das Zentrum die Nabe, eine Öffnung ein, als Bezeichnung des Nichtseins. Aus den Kreuzarmen werden Speichen, die auf den Mittelpunkt führen oder diesen mit der Peripherie verbinden. Es entsteht das Rad der Zeit. Es dreht sich um den Mittelpunkt. Fügt man aber das Kreuz dem Kreis so ein, dass oben und unten, rechts und links erhalten bleiben, so entsteht keine Drehbewegung (so wie wir es bei den irischen Kreuzen finden), nicht mehr die kreisende Zeit, sondern das Nichtendende wird dem Zeichen des Kreuzes beigegeben.

Es wäre aufschlussreich, an der unterschiedlichen Gestaltung dieses Zeichens in Ost und West die Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der Glaubensrichtungen festzustellen.

Hermann Pohl
Am Diedichsborn 38
34130 Kassel


Copyright © Hermann Pohl, Kassel.